Reisebericht: Kletterurlaub auf Mallorca

Im Herbst letzten Jahres wurde mir deutlich, dass ich nach 2 Monaten Elternzeit keine Chance mehr hätte, den kompletten Jahresurlaub zu nehmen. Im Dezember brachte Juliane deshalb die Idee auf, dass ich doch mal wieder einen Kletterurlaub machen könnte mit Bernhard. Wir waren bereits früher zusammen unterwegs gewesen in Frankreich, Spanien und auf Korsika.

Bernhard war spontan begeistert. Die alte Klettergruppe ist größer gewesen, aber es blieben nur noch wir zwei übrig für einen Urlaub in diesem Frühjahr. Nach einiger Überlegung entschieden wir uns für Mallorca in der ersten Aprilwoche. Wir mieteten eine Ferienwohnung in Palmanova. So waren wir einerseits schnell auf der Autobahn, und andererseits mitten drin zwischen den Klettergebieten im Südwesten der Insel.

Sonntag, 30.03.2014: Anreise

Wir reisten getrennt an und trafen uns am Flughafen in Palma. Mit dem Mietwagen ging es zu unserer Wohnung nach Palmanova, und anschließend Abendessen in einen (zu Recht) gut besuchten Sushi-Restaurant. Wir ergatterten den letzten freien Tisch und haben gut gespeist zu fairen Preisen. Leider regnete es am Sonntag Abend noch, allerdings versprach der Wetterbericht bereits Besserung für den nächsten Tag.

Montag, 31.03.2014: Sa Cantera

Morgens stellten wir erst einmal fest, dass der Boiler in der Ferienwohnung kaputt war. Heiß duschen viel also erst mal aus. Nach einem kurzen Einkauf sind wir nach Sa Cantera in den Hügeln direkt über Palma gefahren. Das Gebiet ist relativ klein, bot jedoch durch die südliche Ausrichtung der Platten trockenen Fels und eine schöne Fernsicht über die Bucht von Palma. Wir kletterten je vier Routen, und es lief für mich besser als erwartet. Zurück in Palmanova kauften wir ein und erhielten später Nachricht vom Vermieter: Der Boiler sei tatsächlich kaputt und werde am kommenden Tag von einem Installateur ersetzt werden.

Dienstag, 01.04.2014: S’Estret

Sowohl Bernhard als auch ich sind bereits früher einmal in S’Estret gewesen. Dies ist eines der größeren Klettergebiete, und noch dazu ein richtig schönes. Die Felsen liegen rechts der Landstraße von Palma nach Valldemossa hoch. Im Gegensatz zu Sa Cantera am Vortag trafen wir hier dann auch reichlich Kletterer.
Ich kletterte an diesem Tag wieder vier Routen, bzw. eher viereinhalb. Am Nachmittag suchte mich nämlich erstmals meine Sturzangst heim, so dass ich eine Route nicht fertig kletterte. Vorher bin ich aber noch im Sektor Pasión die absolut schöne Route Pasión interminable geklettert. Diese zählt zu den 50 schönsten Routen der ganzen Insel. Auf diese Linie hatte ich mich bereits seit Wochen gefreut, da ich sie aus dem Jahr 2008 her kannte.
Bernhard stieg im linken Teil des Sektors noch El Culo vor. Hier war die Schlüsselstelle bereits am ersten Haken: eine hohe Stufe auf eine Platte drauf, die offensichtlich keine Henkel hatte. Ich kletterte diesen Zug im Toprope und konnte dann ebenfalls den Rest der Platte vorsteigen. In Vorbereitung auf unser großes Ziel, eine Mehrseillängenroute in Sa Gubia zu klettern, sicherte ich Bernhard nach. Er stieg vom Stand aus dann die zweite Seillänge der Nachbarlinie Con el culo al aire vor. Ich folgte mit großen Respekt vorbei an wackeligen Haken, rostigen Haken und Normalhaken zum zweiten Stand. Nach dem Abseilen folgte erst einmal die verdiente Mittagspause, bevor wir den Tag in den unteren Sektoren ausklingen ließen.
Abends gab es dann endlich das lang ersehnte warme Wasser.

Mittwoch, 02.04.2014: Sa Gubia

Mitwochs fuhren wir zum ersten Mal nach Sa Gubia. Das Gebiet liegt auf der südlichen Seite des Tramatura-Gebirgszugs und weist somit schon deutlich größere Wandhöhen auf, mit einigen sehr spektakulären Mehrseillängen-Routen. Der Zugstieg ist im Vergleich mit den anderen Gebieten etwas unwegsamer und weiter: vom Parkplatz an der Hauptstraße aus folgt man einem Wirtschaftsweg vorbei an riesigen Grundstücken. Am Ende des Fahrwegs steigt man dann rechts in einem (trockenen) Bachbett den Hang hinauf. Wir brauchten mehr als eine halbe Stunde, obwohl wir zügig gegangen sind.
Im Sektor Princessa sind die einfachsten Routen zu finden. Dort kletterten wir mehrere Routen im vierten und fünften Grad. Im Toprope kletterten wir nochmal mit Rucksack, um ein Gefühl für das Albahia-Projekt zu bekommen.
Zum krönenden Abschluss verhedderte sich noch unter Seil in der allerletzten Route des Tages, so dass Bernhard noch einmal hoch musste. Dabei ging dann ein Karabiner drauf. Allerdings blieb es für den Rest des Urlaubs auch dabei, so dass sich unser Materialeinsatz in Grenzen hielt.

Donnerstag, 03.04.2014

Nachdem die Temperaturen die ganze Woche schon wenig an Frühling im Mittelmeer erinnerten, setze donnerstags auch noch Regen ein. Es schauerte teil kräftig und immer wieder, so dass an Klettern gar nicht zu denken war. Weder im Südwesten, noch in anderen Regionen von Mallorca.
Also verbrachten wir diesen Tag mit dem Sortieren von Material und Fachsimpeleien. Gut dass uns niemand gesehen hat, denn unser Materialhaufen hätte sicher auch gereicht, um eine größere Wand in den Dolomiten abzusichern. Aber letztlich fühlt man sich mit 2-3 Friends mehr im Zweifelsfall eben doch wohler, nicht?

Freitag, 04.04.2014: Can Ortigues

Wie gemeldet regnete es auch am Freitag noch. Allerdings war für den Nachmittag Besserung angekündigt, und es klarte auch zunehmend auf. Natürlich waren die Platten aber noch nass, so dass wir uns eine Alternative überlegten: Wir fuhren nach Sa Gubia, um den Abstieg der Albahida hoch zu wandern. Eventuell könnten wir so vom Gipfelkreuz aus sogar schon die oberste Seillänge einsehen.

Es kam dann doch anders, da der Weg versperrt war mit einem großen Tor an einem Bauernhof. Die Topo machte es sich an dieser Stelle relativ einfach: „Über den Grat runter zu einem Weg. In Serpentinen den Hang runter, an einer Farm vorbei und zurück zur Hauptstraße.“ Fertig. Mehr Informationen gibt es nicht. Und nun ist dieser Bauernhof im Weg, und wir kommen weiter.
Wir haben noch einen anderen Weg ausprobiert, kamen dann jedoch viel zu weit weg und gaben schließlich auf.

Am späten Nachmittag machten wir noch einen kleinen Abstecher nach Can Ortigues nördlich von Andratx. Die Felsen haben abends Sonne und waren entsprechend trocken. Hier suchte mich aber erneut meine Sturzangst heim, so dass ich ziemlich genau zwei halbe Routen kletterte, die Bernhard jeweils beendete, um mein Material zu bergen.

Samstag, 05.04.2014: Sa Gubia

Der große Tag: Die Mehrseillängenroute in Sa Gubia. Mangels Erfahrung mit selbst abgesicherten Seillängen hatten wir uns gegen die kompletten sieben Seillängen der Trad-Route Albahida entschieden. Statt dessen wollten wir eine Kombination aus der Albahida und der komplett eingerichteten Quan es fa fosc gehen. Letztere geht immer dann schnurgerade die Platten hoch, wo die Albahida im zerklüfteten Gelände nach links oder rechts ausweicht. Unsere Quan es fa fosc teilt sich aber die erste Seillänge mit der Albahida, und sie geht auch nicht oben raus bis zum Gipfelkreuz. Hier könnten wir aber auch wieder zurück in die Albahida queren, die dann im oberen Wandteil nur noch Schwierigkeiten im dritten Grad aufweist.

Wir sind morgens zeitig los. Die ersten Klettereien überraschten uns bereits auf dem Weg zum Zustieg: der Weg stand unter Wasser, so dass wir uns an Mauern und Zäunen entlang hangelten, um trockenen Fußes vorwärts zu kommen. Um ziemlich genau 9:00 Uhr bin ich in die erste Seillänge gestartet und habe unterwegs tatsächlich Keile und Schlingen gelegt. Ich fühlte mich wie ein großer Abenteurer und erreichte problemlos den ersten Stand. Dort wurde ich dann aber von zwei Spaniern in Turnschuhen förmlich überrannt. Die beiden erzählten, dass sie die Route seit 25 Jahren beinahe wöchentlich klettern würden. Nach dem der Vorsteiger dann wie ein geölter Blitz die Wand hoch ist, kramte der zweite noch in seiner Tasche rum. Er hatte nur einen einzelnen Kletterschuh eingepackt, was er mit einem „Fuck!!“ quittierte. Ansonsten führte das aber zu keiner merklichen Beeinträchtigung. Er kletterte genau so schnell wie der erste Spanier.

Als wir dann dran waren hatte die Wand plötzlich einen gewaltigen Überhang, und es gab auch quasi keine Griffe mehr. Schon komisch, wie die Spanier Minuten vorher da so munter hoch klettern konnten. Bernhard stieg die Route vor, und ich hatte mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken alle Mühe, überhaupt die ersten vier Meter vom Stand weg zu kommen.
In der dritten Seillänge kletterte ich wieder vorne. Hier bin ich die kürzesten 30 Meter meines Lebens geklettert: ungefähr in der Hälfte der Seillänge sah ich einen Standplatz ein paar Meter links außerhalb der Route, und das Queren war da sehr einfach. Außerdem sah ich geradeaus nach oben keinen weiteren Bohrhaken, so dass ich diesen Stand ankletterte und Bernhard nachsicherte. Ab da waren wir uns über den Verlauf der Route nicht mehr sicher.
Bernhard begann unsere vierte Seillänge, brach dann aber ab nach einigen Metern ab, da sich der Quergang zurück in unsere Route als schwierig erwies. Wir tauschten am Stand dann die Seilenden, und mit etwas Bastelei gelang mir dann der Quergang ein paar Meter weiter oben. Ich erreichte einen weiteren Stand und dachte zu diesem Zeitpunkt, wir seien tatsächlich am richtigen Stand angekommen. Bernhard kam wieder nach.
Laut Topo sollte hier über uns also einfaches Gelände im dritten Grad sein. Nur war davon nichts zu sehen, denn die Platten war immer noch kompakt und es gab keine offensichtlichen Sicherungsmöglichkeiten. Wir entschieden uns dann schließlich, doch zurück abzuseilen. Nach einer weiteren Stunde waren wir wieder am Fuß der Route und stolz auf unser erstes Abenteuer über vier Seillängen.

Zu diesem Zeitpunkt waren noch zwei weitere Seilschaften in unserer Quan es fa fosc sowie der linken Nachbarroute Supernova, Spits ’n Giggles. Daher genossen wir eine Stunde am Fuß der Route und beobachteten gespannt die Kletterer. Hier stellte sich dann heraus, das ich tatsächlich den falschen Stand angeklettert hatte. Und unser oberster Stand lag von der Höhe her wieder mitten in der richtigen vierten Seillänge. Vermutlich hatten wir dort keinen Stand, sondern den Teil einer Abseilpiste erwischt.

Zusammenfassend sind wir trotzdem stolz auf die gut 100 Meter, die wir hoch kletterten, auch wenn wir die Route nicht komplett beenden konnten. Wir fuhren heim und packten unsere Taschen und gingen zum Abschluss des Urlaubs in Palmanova in einem leckeren Thai-Restaurant essen.

Sonntag, 06.04.2014: Abreise

Mein Flug ging bereits um 8:25 Uhr ab Palma. Daher mussten wir entsprechend früh zum Flughafen. Bernhard brachte mich hin und ist wieder zurück zur Wohnung, um dort später die Übergabe mit dem Vermieter zu machen. Der Flug war unspektakulär, und ich war dann mittags wieder zurück in Mülheim. Damit ging ein schöner Urlaub mit Höhen und Tiefen zu Ende.

Einerseits waren wir erfolgreich klettern zusammen in den Sportkletterrouten. Auf der anderen Seite haben wir nun eine zweite Mehrseillängenroute, die wir nicht fertigt gemacht haben. (Auf Korsika haben wir am Monte Gozzi noch so eine offene Rechnung!). Die gute Nachricht ist aber, dass wir als Team funktionierten, so dass weiteren Unternehmungen nichts im Weg steht. Und Resturlaubstage gibt es ja schließlich auch wieder im nächsten Jahr…

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